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Momos
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Momos (altgriechisch Îáż¶ÎŒÎżÏ Máčmos) ist gemÀà der Theogonie Hesiods einer der vielen Söhne der Nyx und die Personifikation des Tadels und der SchmĂ€hsucht. Seine Entsprechung in der römischen Mythologie ist Querella.
Er gilt als Meister scharfzĂŒngiger Kritik, der auch vor den Göttern nicht haltmachte. In den Ă€sopschen Fabeln gibt es eine SchlĂŒsselszene. âZeus hatte den Stier geschaffen, Prometheus den Menschen und Athene das Haus, und nun verlangten sie von Momos sein Urteil. Der aber war neidisch auf die Schöpferkraft der andern und sagte: »Ihr habt es alle versehen. Zeus hĂ€tte dem Stier die Augen an die Hörner setzen sollen, damit er auch sieht, wohin er stöĂt. Prometheus hĂ€tte das Innere des Menschen nach auĂen kehren sollen, damit die Schurken nicht die andern betrĂŒgen können. SchlieĂlich hĂ€tte Athene das Haus auf RĂ€der stellen sollen, damit einer rasch weiterziehen kann, wenn er einen schlechten Nachbar hat.«âcite-ref-1[1] Seine MĂ€kelei war so maĂlos, dass sie auch vor den vermeintlich Makellosen nicht Halt machte. âNein Venus dĂŒrffte sich wohl nackend lassen sehen / Weil Momus schon vorlĂ€ngst an ihr nichts können schmĂ€hen / Als die gehörnten schuh.âcite-ref-2[2] Aufgrund seiner Kritiksucht wurde er schlieĂlich von Zeus aus dem Olymp geworfen.cite-ref-3[3] Das wurde aber z. B. vom aufklĂ€rerischen Publizisten Gottlieb Wilhelm Rabener als Fehler kommentiert: âDie Goetter wĂŒrden ohne den Momus einen sehr unvollkommenen Himmel gehabt haben. Es war jemand unter ihnen noethig, vor dessen Begierde, Boeses zu reden, sie sich scheuen mussten. Ihr Umgang wĂŒrde endlich zu schlaefrig geworden seyn; sie wĂŒrden zu wenig auf sich selbst Acht gegeben haben.âcite-ref-4[4] Sein tradiertes Profil lautet daher: âUnter der grossen Menge der Götter/ welche die Heyden jhnen selber erdichtet/ findet sich auch einer/ mit Namen Momus, von welchem die Poeten fabuliren/ er sey ein solcher Gott/ der von dem Schlaf als Vattern erzeuget/ und von der Nacht/ als der Mutter gebohren/ der habe sich niemalen unterstanden/ selbsten etwas zu thun/ anzustellen und zu verrichten/ aber aller anderer Götter Werck/ Arbeit und GeschĂ€fft hab er fĂŒr witzig beschauet/ verspöttelt/ getadelt und verĂ€chtlich durch die Hechel gezogen/ und wo er gemeint/ daĂ etwas vergessen worden/ oder daĂ etwas ĂŒbel gemacht und gerathen/ hab er das alles frey und ohne Scheu geurtheilt/ geandet und gestrafft.âcite-ref-5[5]
Ursache seines Spottes ist nach Aloys Blumauer folgendes Ereignis: âDer alte Momus, der bisher/ Am Hof des Vater Jupiter/ Den Tischhanswursten spielte,/ Als er einst Junons Möpschen stieĂ,/ Bekam von ihm solch einen BiĂ,/ DaĂ er vor Schmerzen brĂŒllte./ Und weil das HĂŒndchen wĂŒthig war,/ So ward es auch der arme Narr,/ Es schwoll ihm Mund und Kehle;/ Und jedes Wörtchen, das er sprach,/ Ward auf der Zunge Gift, und stach/ Die Götter in die Seele.âcite-ref-6[6]
Sein Tadel wurde seit der Barockzeit schnell zum sprichwörtlichen MaĂstab, so bei Johann Hermann Benner:cite-ref-7[7] âSeine Anstalten sind so regelmĂ€Ăig und unschuldig, daĂ sie der Momus nicht tadeln kan.â Auch der AufklĂ€rer Barthold Heinrich Brockes bezieht sich auf ihn in seinen Moralischen Gedichten (1736):cite-ref-8[8] âMit deinem Einwurff kommst du mir, Geliebter Freund, als wie der Momus, fĂŒr, Der, ehâ er uns vollkommen halten sollte; Am Menschen Fenster haben wollte.â
Contents
âą Ikonographie
âą Rezeption
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Ikonographie
Die antike Schilderung wird von Joachim von Sandrart in einem Kupferstichcite-ref-9[9] zusammengefasst und so beschrieben: âMomus ist ein Gott der repraehension, und der lĂ€sterlichen Schmachreden / ein Sohn des Traums und der Nacht / von unförmlicher und heĂlicher Gestalt / ihme selbst und jederman zuwider / verachtet alle KĂŒnst und gute Gesetze / bespottet solche / schlĂ€gt drein / und bellet jedermann / wie ein böser Hund / an.â Mit der Darstellung in Leonard Defraines La Mythologie en Estampescite-ref-10[10] verschmelzen die verschiedenen Darstellungen des Momus verallgemeinert zum Narr. Die Maske vor dem Gesicht entfĂ€llt immer öfter und wird durch die Schellenkappe ersetzt. Es bleibt als Symbol seiner Torheit die Marotte in der Hand. Auf dem âNarrenzepterâ, auch âNarrenkolbenâ genannt, soll die Fratze den hĂ€sslichen Momus darstellen. Im Deutschen Sprichwörter-Lexikoncite-ref-11[11] heiĂt es dazu: âNarrenkolben (âŠ) ein kurzer Stock mit einem ausgeschnittenen Fratzengesicht und einer Schellenkappe ⊠womit man die Narrheit und den Gott des Tadels und Spottes (Momus) abbildetâŠâ
Rezeption
Bereits in der FrĂŒhrenaissance ist Momus ein Muster fĂŒr unverblĂŒmte Kritik, so 1440 bei dem Genueser Architekturkritiker Leon Battista Alberti, der in der politischen Fabel Momus o del principecite-ref-12[12] seine Erfahrungen als Mitarbeiter von Papst Eugen IV. und Architekt der FĂŒrsten und deren ĂberheblĂŻchkeiten mit Dialogen verarbeitet, âbei deren LektĂŒre das Lachen fĂŒr wahr im Halse steckenbleibtâ.cite-ref-13[13]
FĂŒr den italienischen Philosophen Giordano Bruno, der als Ketzer auf dem Scheiterhaufen endete, war Momus das Vorbild fĂŒr die Kritik an den MĂ€chtigen, fĂŒr die er in Spaccio de la bestia trionfante (1584)cite-ref-14[14] fordert, es möge an Stelle die VergnĂŒgungen der Götter âdie VerkĂŒndigung der Wahrheitâ der Tyrannenmord, der Eifer fĂŒr das Vaterland und die eigenen Angelegenheiten, die unermĂŒdliche Wachsamkeit und Sorge fĂŒr den Staatâ (Dritter Dialog) treten. Der Hofnarr der Götterwelt wird so zu einem quasi-atheistischen, jedenfalls bösartigen Zyniker.cite-ref-15[15]
Die VerschlĂŒsselung der Kritik an Adel und Hofstaat auf die Herrscher der Götterwelt und Momus als FĂŒrsprecher der Beherrschten findet sich auch beim englischen Dramatiker John Dryden. In The Secular Masque (1700) mĂŒssen sich die Götter ihre Arroganz und die Nutzlosigkeit ihres Zeitvertriebes vorhalten lassen. Aus der Sicht des Spötters haben weder die Jagd (Diana), noch Krieg (Mars), aber vor allem die Liebe (Venus) Anspruch auf dauerhafte WertschĂ€tzung.
FĂŒr den Freiburger âProfessor der Schönen KĂŒnstenâ Johann Georg Jacobicite-ref-16[16] ist Momus auch ein scharfer Beobachter der Kultur der WeltenbĂŒrger, wenn er seinem âChefâ Jupiter zeigen soll âwas nun sein Erdenvölkchen machteâ und dafĂŒr aus seiner Sammelkiste der Narreteien allerlei Zeitgenössisches herauszieht: âDoktor Faust mit seinen Teufeln,/ Und Robinson auf seiner Fahrt;/ Am schattenvollen TraubenhĂŒgel/ Anakreons gesalbter Bart:/ Candide, Solon, Eulenspiegel,/ Confucius und Aretin,/ Und Schwedenborg und Harlekin/ Aus einem Ey hervorgekrochen;/ Der Eremit bey Todtenknochen;/ Armida bey Rinaldens KuĂ;/ Und endlich machten den BeschluĂ/ Chymisten, Critiker, Propheten,/ Druiden, Zauberer, Poeten.â
Der Leipziger Hofrat und Gelehrte Johann Burckhardt Mencke verstand sich als âVernĂŒnfftiger Momusâ und benutzte dessen (vermeintlich nur) satirischen Blick und die auch durch diesen gegeisselten Untugenden wie Prunksucht, Eitelkeit und BetrĂŒgereien auch fĂŒr die entlarvende Betrachtung der typischen âCavaliere und Frauenzimmerâ.cite-ref-17[17]
Der Name âMomusâ gilt als Synonym fĂŒr jede Form von Satire, so z. B. 1693 in FrĂŒhaufklĂ€rungsschrift Der unsinnige Momus.cite-ref-18[18] Anonym erschien 1762 Momus, Neuer und lustiger Mischmasch allen zum VergnĂŒgencite-ref-19[19] mit amĂŒsanten, gelegentlich despektierlichen Miniaturen und Notizen, die diese Schrift 1816 auf die Liste der verbotenen Schriften brachte.cite-ref-20[20] Es gab auch regelmĂ€Ăige Publikation wie Momus ridens, or comical remarks on the publick reports, eines der ersten wöchentlichen âSatire-Magazineâ in London 1790â1791 oder Momus. Taschenbuch fĂŒr Freunde des Scherzes und der Satyre.cite-ref-21[21]
Im Libretto Des Amours De Momuscite-ref-22[22] zeigt Joseph-François DuchĂ© de Vancy 1695 den Gott des Spottes von einer liebenswĂŒrdigeren Seite, da er mit dem hĂŒbschen Wassergott Palemon um die Gunst der Nymphe Melitte ringen muss, glĂŒcklicherweise legt die Dienerin der Göttin der Jugend HĂ©bĂ© auch Wert auf innere Werte.
Im scherzhaften Gedicht Der Streit zwischen Phoebus und Pancite-ref-23[23] ist Momus lediglich ein ironischer Kommentator. Die weltlichen Bachkantate (BWV 201) Geschwinde, ihr wirbelnden Winde verschiebt sich seine Rolle zum kritischen Vorsprecher des Chors, âDer Unverstand und Unvernunft / Will jetzt der Weisheit Nachbar seinâ.cite-ref-24[24]
Im KĂŒnstlerroman ScĂšnes de la vie de bohĂšme (1849) von Henri Murger ist der Treffpunkt der streitlustigen KĂŒnstler im Quartier Latin das CafĂ© Momus. Das Libretto zur Oper von Giacomo Puccini La BohĂšme (1896) greift den Stoff auf und verstĂ€rkt nach der BĂŒhnenlogik die Eigenschaft dieses Spielortes, in dem im CafĂ© die meisten Dispute und LĂ€stereien angesiedelt sind. Im Roman Stilpe (1897)cite-ref-25[25] von Otto Julius Bierbaum verehrt ein PennĂ€ler-Zirkel als Helden gegen die Norm neben Momus auch âMozart, Mirabeau, (âŠ) MĂŒsset, MĂŒrger (sic!), Maratâ (S. 240) und grĂŒnden spĂ€ter ein Literatur- und VarietĂ©-Theater Momus, das seinem Namenspaten folgend durch seine respektlosen, frechen Texte reĂŒssieren soll (S. 360).
Unter dem Pseudonym Momos verfasste Walter Jens seit 1963 fast wöchentlich Fernsehkritiken fĂŒr die Wochenzeitung Die Zeit.cite-ref-26[26]
Quellen und Literatur
âą Ăsop, Fabeln 253
âą Philostratus
âą Joachim von Sandrart: Iconologia Deorum oder Abbildungen der Götter Welche von den Alten verehret. Endtern, Frankfurt (Main), NĂŒrnberg 1680.
âą Eintrag Momus in: Brockhaus Conversations-Lexikon. Amsterdam 1809, Band 3, S. 159â160. online
âą Karl TĂŒmpel: Momos. In: Wilhelm Heinrich Roscher (Hrsg.): AusfĂŒhrliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Band 2,2, Leipzig 1897, Sp. 3117â3119 (Digitalisat).
⹠Wilhelm Kroll: Momos. In: Paulys RealencyclopÀdie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XVI,1, Stuttgart 1933, Sp. 42.
Weblinks
Commons
: Momus
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
âą Momos im Theoi Project (englisch)
Einzelnachweise
cite-note-11. â Momos als Kritiker. In: August Hausrath, August Marx: Griechische Maerchen. Maerchen, Fabeln, Schwaenke und Novellen aus dem klassischen Altertum. Eugen Diederichs, Jena 1913. Digitalisat der Ausgabe von 1922.
cite-note-22. â Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau: Herrn von Hoffmannswaldau und andrer Deutschen auserlesene und biĂher ungedruckte Gedichte. Leipzig 1695, Band 1, S. 291. Digitalisat
cite-note-33. â Philostratos, Epistulae 37
cite-note-44. â Gottlieb Wilhelm Rabener: Beweis. Dass die Begierde, Uebels von andern zu reden, weder vom Stolze, noch von der Bosheit des Herzens, sondern von einer wahren Menschenliebe herrĂŒhre. In: Sammlung satyrischer Schriften. Theil 4. Dyck, Leipzig 1755, S. 399â421, hier S. 420f. Digitalisat
cite-note-55. â Johann Jacob Bauller: Hell-Polirter Laster-Spiegel. Ulm 1681, S. 1032.
cite-note-66. â Aloys Blumauer: Gesammelte Schriften. Dritter Theil. Gedichte. Zweiter Theil. Riegerâsche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1871, hier S. 134â135 Prolog zu Herrn Nikolaiâs neuester Reisebeschreibung von Obermayer.
cite-note-77. â Johann Hermann Benner: Die gegenwĂ€rtige Gestalt der Herrnhuterey in ihrer Schalckheit. GieĂen 1746, hier S. 18.
cite-note-88. â Barthold Heinrich Brockes: Jrdisches VergnĂŒgen in Gott. Hamburg 1736, hier Band 5, S. 457.
cite-note-99. â Joachim von Sandrart: Iconologia Deorum. Endtern, Frankfurt (Main); Froberger, NĂŒrnberg 1680, hier Tafel T und S. 48.
cite-note-1010. â Leonard Defraine: La Mythologie en Estampes. Mit Kupferstichen, gestochen von Jacques Louis Konstante Lacerf. Blanchard, Paris 1820.
cite-note-1111. â Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Band 3, F. A. Brockhaus, Leipzig 1873, Spalte 940.
cite-note-1212. â Michaela Boenke (Hrsg.): Leon Battista Alberti. Momus oder vom FĂŒrsten. Deutsch-Latein. Fink, MĂŒnchen 1993.
cite-note-1313. â Michaela Boenke (Hrsg.): Leon Battista Alberti. Momus oder vom FĂŒrsten. Deutsch-Latein. Fink, MĂŒnchen 1993, Einleitung S. IX.
cite-note-1414. â Giordano Bruno: Die Vertreibung der triumphierenden Bestie. Aus dem Italienischen ĂŒbersetzt und eingeleitet von Paul Seliger, Hegner, Berlin/Leipzig 1904. Digitalisat
cite-note-1515. â Wolfgang Wildgen: Religiöse Ethik als âgöttlichesâ Sprachspiel. Der Dialog âSpaccio della Bestia Trionfanteâ von Giordano Bruno (1584). In: Christoph Auffarth (Hrsg.): Glaubensstreit und GelĂ€chter. Reformation und Lachkultur im Mittelalter und in der FrĂŒhen Neuzeit. LIT-Verlag, Berlin, MĂŒnster 2008, S. 151â173, hier S. 154.
cite-note-1616. â Johann Georg Jacobi: SĂ€mmtliche Werke, Band 2. Orell, FĂŒssli, ZĂŒrich 1819, 3. Aufl., S. 215.
cite-note-1717. â Anonym: VernĂŒnfftiger Momus der die Fehler der Menschen auff eine Satyrische Arth durchziehet. Leipzig 1725.
cite-note-1818. â Samuel Christoph Kahl: Der unsinnige Momus/ Welcher Wegen seiner wider den WeltberĂŒhmten Christian Weisen/ des Zittauischen Gymnasii Wohl-meritirten Rectorem AusgebrĂŒteten SchmĂ€h- u. LĂ€ster-Schrifft/ Von dem erzĂŒrnten Apolline billich bestraffet worden / Zu jedermanns Warn-nehmung öffentlich vorgestellet. Jena 1693. Digitalisat
cite-note-1919. â Digitalisat
cite-note-2020. â Neu durchgesehenes Verzeichniss der verbothenen deutschen BĂŒcher. Wien 1816, hier S. 221. Digitalisat
cite-note-2121. â Wilhelm Schumacher: Momus. Graudenz 1828.
cite-note-2222. â Joseph-François DuchĂ© de Vancy: Les amours de Momus. En Musique Danse, par lâAcademie Royale de Musique. Komposition von Henry Desmarets. Ballard, Paris 1695. Digitalisat
cite-note-2323. â Christian Friedrich Henrici: Picanders Ernst-Schertzhaffte und Satyrische Gedichte. Leipzig 1732, Dritter Teil, S. 501â506.
cite-note-2424. â Text des Libretto, Digitalisat.
cite-note-2525. â Digitalisat der Erstausgabe
cite-note-2626. â einige Texte
cite-note-2727. â offizielle Website des Musikers